Traumatherapie (Somatic experiencing, SE) in der Physiotherapie
Die Traumaarbeit beinhaltet eine breite Palette an therapeutischen Ansatzpunkten. In diesem Artikel möchte ich lediglich ein in der Physiotherapie häufiges Element herauspicken.
„Trauma ist der Verlust der Verbindung zum Hier und Jetzt“ Bessel v.d.Kolk
Wie der Organismus im Ereignis der Vergangenheit stecken bleiben kann, möchte ich anhand eines Praxisbeispiels erläutern:
Frau M. hatte einen Auffahrunfall vor drei Jahren. Sie hat eine Odyssee an Therapien und Interventionen hinter sich, die jeweils nur kurzfristig eine Linderung der Symptome brachten. Der Nacken kehrt immer wieder in eine Steifigkeit zurück, begleitet von Schulterschmerzen.
Erhöhte Spannung in der Muskulatur bedeutet aus Traumasicht eine gehaltene Energie, welche entsteht, wenn der Körper ein gewollter Bewegungsimpuls nicht zum Abschluss bringen kann. Es besteht demnach die Absicht einer Bewegung. Der Körper mobilisiert Energie, es kommt jedoch aufgrund des zu schnell eintretenden Ereignisses nicht zum Abschluss der Bewegung.
Die Physiologie hat eine ganz klar linear ablaufende Chronologie an Aktionen, um auf eine Gefahr zu reagieren.
- Komfortzone: Die Gazelle liegt entspannt mit ihrer Herde in der Steppe.
- Grasen: Die Gazelle streift durchs Gras und knabbert (mehr Aktion als bei 1).
- Innehalten: Sie hört ein Geräusch, hält in der Bewegung inne, wird wachsam.
- Vorbereitende Orientierung: Die Gazelle blickt auf und sucht in einem breiten Radius das Umfeld ab um mehr Informationen zu bekommen: Wo ist es? Was ist es? Wie weit weg? In welcher Beziehung steht es zu mir? Bewegt es sich auf mich zu?
- Aufschrecken: Durch die von einem hohen Adrenalinstoss ausgelöste Angst des Erschreckens verursachte Symptome: Herz schlägt wie wild, vor Schreck fast umfallen.
- Defensive Orientierung(DOR): Gazelle sieht Tiger. Bedrohung wird real: Blickfeld fokussiert sich, Augenspannung steigt, Spannung und Muskelkontraktion ebenso. Der Organismus bereitet sich hier konkret auf das Entkommen vor: Überlegung, ob Kampf oder Flucht das geeignete Verteidigungsmittel ist.
- Aktion: Kampf oder Flucht: Welche Strategie gewählt wird, hängt von den Umständen ab. Es gibt kein richtig oder falsch-es zählt alleine das Überleben.
- Immobilität/Erstarrung: Dies ist keine bewusste Wahl, sie setzt automatisch ein, wenn die Erregung oder Aktivierung eine gewisse physiologische Reizschwelle erreicht. Dieser Zustand enthält eine enorme Aktivierungsmenge (welche stetig von 1 bis 7 aufgebaut wurde)
- EREIGNIS
Nach dem Ereignis gibt es eine weitere physiologische Chronologie, was ich hier ausspare.
Was hat dieser Ablauf nun mit dem Auffahrunfall zu tun?
Wenn man davon ausgeht, dass dieser Ablauf stattfinden soll für ein bewältigbares Ereignis, so muss man bei einem Unfall schauen: Wo genau wurde dieser Ablauf unterbrochen und setzte das Ereignis/Trauma ein?
Findet der Auffahrunfall bereits bei 1 statt (Frau M. sitzt nichts ahnend im Auto, hört Musik), ist der Körper in einem ganz anderen Zustand, als wenn z.B schon die defensive Orientierung (Frau M. hat Auto von hinten wahrgenommen) aktiviert werden konnte. Tatsache ist, dass die Physiologie dort hängen bleibt, wo das Ereignis eintritt. So kann man beobachten, dass bei einem Trauma während der defensiven Orientierung, der Organismus ständig das Umfeld auf eventuelle Gefahren absucht. (Und wenn man sucht, dann findet man immer eine Gefahr.) Er bleibt dort stecken.
Therapeutisch gehe ich in der Chronologie weit vor das Ereignis zurück. Wie war der Morgen als sie aufstanden? Durch das Verlangsamen und Beobachten der Körpersensationen kann, die im vegetativen Nervensystem gebundene Aktivierungsenergie Stück für Stück entladen werden.
So bemerkt Frau M. z.B, dass sie beim Einsteigen ins Auto schon ein Zusammenziehen im Bauch spürt. Die Ladung ist aber so tief, dass durch SE-Elemente eine Regulation stattfinden kann.
Sitzung für Sitzung nähern wir uns dem Ereignis.
Durch genügend Ressourcenarbeit gelingt es, dem Herzrasen und dem flachen Atem, während der Aufschreckreaktion zu begegnen und auch diese zu regulieren.
In der defensiven Orientierung sind ganz feine Bewegungsimpulse entweder spürbar oder durch mich sichtbar. Durch Spiegelung dessen kann Frau M. diese feinen Bewegungen ins Bewusstsein holen und die Körpersensation dazu erforschen. Diese bilden die unvollendeten Bewegungsabsichten, die der Körper tun wollte, um sich zu verteidigen: Kopfrotation nach links zum Rückspiegel (DOR), Händedruck gegen das Lenkrad zur Stabilisierung des Oberkörpers (Verteidigung, Schutz).
So werden nach und nach die nicht vollendeten Bewegungen vervollständigt und die physiologischen Verteidigungsmechanismen wieder hergestellt. Dadurch sinkt die gehaltene Aktivierung. Der Organismus, hier im speziellen das vegetative Nervensystem, findet wieder in die Sicherheit und kann muskulär entspannen.
Warum lohnt sich die Arbeit mit SE?
SE setzt dort an, wo das „Problem“ tatsächlich sitzt: in der Wiederherstellung der Selbstregulation, welches die Basis ist für jegliche Genesung. Die Wiederherstellung der Selbstregulation ermächtigt den Klienten zur Autonomie, statt stets auf Interventionen zur Tonusregulation angewiesen zu sein.
Im Weiteren sinkt die tatsächliche Lebensqualität und Lebendigkeit, wenn der Organismus ständig im Eruieren von Gefahren oder im Kampf-Fluchtmodus stecken geblieben ist.
Zudem konnte ich das Phänomen des Traumasoges im Praxisalltag oft genug beobachten: Ungelöstes Trauma zieht Trauma an:
Wird die Chronologie der Verteidigungsmechanismen nicht wieder hergestellt, stehen sie dem Organismus schlichtweg nicht mehr zur Verfügung. Sie werden ausgeschaltet. So bewirkt z.B. eine nicht geglückte defensive Orientierung, dass der Mensch die Gefahrenquelle nicht mehr erkennen kann. Mit verheerenden Folgen:
- Nach einem Ausrutschunfall erkennt mein System plötzlich die rutschigen Stellen nicht mehr (oder sucht nur noch andauernd den Boden nach rutschigen Stellen ab)
- Es bleibt nicht bei dem einen Auffahrunfall, es wiederholt sich.
Und zu guter Letzt auch weil:
„Trauma ist der Bruch der Verbindung zu dir selber und Anderen“ P.A. Levine
Und da auch Stephen Porges betont, dass Verbundenheit (in allen Ebenen) ein biologischer Imperativ ist, also ein MUSS für Sicherheit und Wohlbefinden/Fülle, lohnt es sich definitiv.
Und zum Glück lassen sich diese Ursachen mit Physiotherapie sehr gut behandeln.
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