Aus traumatherapeutischer Sicht gehören diese Diagnosen zu den Komplextraumen:
Dies beschreibt eine Anhäufung von verschiedenen Symptomen (=Syndrome), welche nicht mehr einem logischen Prinzip von Ursache und Wirkung folgen. Meist ist es verbunden mit einem Leiden im körperlichen, emotionalen und zwischenmenschlichen Bereich.
Betrachtet man das zugrunde liegende vegetative Nervensystem, so ist keine gesunde Abfolge zwischen Sympathikus (Aktivierung) und Parasympathikus (Entspannung) vorhanden: Der Körper findet nach einer Stressreaktion nicht mehr alleine in eine Regeneration, sondern entgleist in die Überaktivierung. Die Polyvagaltheorie nach Steven Porges besagt, dass dann sowohl Sympathikus wie auch Parasympathikus auf «on» sind. Gefühlt ist das, als ob der Körper gleichzeitig aufs Gaspedal und auf die Bremse tritt. Bei akuter Migräne ist die Entladung im Kopf so hoch, dass die Betroffenen ein knock-out erfahren.
Auf neuronaler Basis sehen wir demnach eine Regulationsstörung. Wie können wir das vegetative Nervensystem
wieder trainieren, statt nach einer kleinen Aktivierung in einen Migräneanfall zu entgleisen, wieder in
die parasympathische Entspannung zu gelangen?
Das vegetative Nervensystem steuert unbewusst alle rhythmischen Prozesse im Körper:
am meisten ersichtlich der Atem- Herz- Gefässrhythmus (Wärmeverteilung im Körper)
und der Rhythmus in der Muskelspannung. Beim einem Komplextrauma wie einer Migräne,
sind diese Rhythmen im Chaos.
Als erstes gilt es, die Kohärenz (das Zusammenspiel) der Rhythmen wieder herzustellen:
Einatmen gibt einen erhöhten Herzrhythmus und eine Zunahme der Muskelspannung
Ausatmen gibt eine Verlangsamung des Herzschlages und ein Release der Muskelspannung.
Der Körper verfügt über eine Kohärenzwiederherstellungskompetenz: Das Wissen um Rhythmus
ist tief in unserer Physis verankert.
Im Weiteren beginnt das achtsame Training des vegetativen Nervensystems. Studien zeigen, dass
es am effektivsten ist, eine Aktivierung von 7 Sekunden zu setzen und danach dem Körper den Raum
geben um wieder in die Entspannung zu gelangen. Aktivierung auf dieser Ebene heisst:
Mit der Stimme summen, Einatmen, vom Sitz in den Stand zu kommen.
Aktivierungen auf einem Niveau, welche für gesunde Organismen gar nicht in die bewusste
Wahrnehmung gelangen.
Das erfreuliche hierbei: Kein System lernt so schnell wie unsere Nerven! Muskeln müssen regelmässig trainiert werden, unser Gehirn braucht Repetitionen, Faszien brauchen immer wieder Input. Neuronal kann eine gut integrierte Erfahrung bereits eine Neuverhandlung sein: Mein Nervensystem kann nach dem Reiz wieder entspannen!
Später beginnt die Arbeit mit den Prodromen (Vorboten): Wo und wie spüre ich in meinem Körper die erste Aktivierung, bevor es dann in den Migräneanfall geht. Gelingt es dies immer differenzierter wahrzunehmen, ist die Aktivierung noch auf einem so niedrigen Niveau, dass Regulation möglich ist.
Um die weitere Resilienz des Körpers aufzubauen, ist längerfristig eine aktive Therapie mit Beginn des Ausdauer-hin zum Krafttraining angebracht. Immer mit dem Fokus auf genügend Regeneration,
damit das Nervensystem seine Schwingungsfähigkeit von Aktivierung- Deaktivierung stabilisieren kann.